Angst, sich zuzumuten

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Viele Menschen tragen eine stille Überzeugung in sich: „Ich darf mich nicht zumuten.“ Nicht verletzlich sein. Nicht bedürftig. Nicht zu laut freudig oder zu offen traurig. Diese innere Zensur ist weit verbreitet – und sie erzeugt einen tiefen Mangel in unseren Beziehungen.

Hinter diesem Gefühl steckt meist ein impliziter Gedanke: Damit bin ich dem anderen zu viel – und werde abgelehnt. Eine Überzeugung, die nicht aus dem Nichts kommt, sondern oft aus sehr realen Kindheitserfahrungen entstanden ist. Aus Momenten, in denen das Zeigen von Bedürfnissen tatsächlich zu Ablehnung, Rückzug oder Bestrafung geführt hat.

Was viele nicht bemerken: Heute, als Erwachsene, befragen wir meist nur noch uns selbst. Wir stellen die Frage im eigenen Kopf – und beantworten sie auch dort. Ohne je beim Gegenüber einzuchecken. Ohne je zu fragen.

Dabei wäre die Lösung so einfach: fragen.

Aber genau dieser Schritt ist vielen von uns fremd geworden. Wir mussten uns davon entfremden – weil es sich irgendwann nicht mehr sicher anfühlte. Weil das Zeigen von Bedürftigkeit mit Schmerz verbunden war.

Dabei ist es ein natürliches Geburtsrecht jedes Menschen, sich anderen zuzumuten: nach Hilfe zu fragen, eine Umarmung zu brauchen, mal schwach, wütend oder verletzlich zu sein. Sich auch mit der eigenen Freude, Lebendigkeit und Unabhängigkeit zu zeigen. Das ist kein Fehler – das ist Menschsein.


Gleichzeitig hoffen wir im Stillen, dass die anderen es erahnen. Dass sie sehen, was in uns lebendig ist – ohne dass wir es sagen müssen. Doch das ist eine Illusion.

Als Erwachsene ist es wichtig zu verstehen: Wir alle leben in unserem eigenen Erleben, in unserem eigenen inneren Universum. Niemand ist ständig eingestimmt auf jemand anderen. Das ist keine Gleichgültigkeit – das ist die Realität des menschlichen Miteinanders.

Deshalb ist der Schlüssel: fragen.

Wenn wir es verpassen, beim Gegenüber einzuchecken – „Hast du gerade Kapazität für das, was in mir lebendig ist?“ – holen wir uns oft Frust ein. Wir warten auf etwas, das nicht kommt. Und landen innerlich wieder dort, wo wir als Kind waren.

Heute aber können wir etwas anderes wählen. Wir können ein neues Feld erschaffen: Wenn wir fragen, machen wir eine Einladung möglich. Wir erlauben dem anderen, wirklich present zu sein – und uns wirklich zu sehen.


Was uns dabei oft noch im Weg steht, ist Scham.

Fragen bedeutet sich zeigen. Sich verletzlich machen. Sich „bedürftig“ machen – und das ist jeder Mensch, immer wieder. Scham flüstert uns ein, das sei eine Schwäche. Dabei ist es Mut.

Und noch etwas: Der andere darf auch Nein sagen. „Gerade habe ich keine Kapazität.“ Das ist kein Urteil über uns. Das ist Ehrlichkeit. Wenn wir das annehmen können – wenn wir dem anderen dieses Nein zugestehen – entsteht oft eine ganz andere Atmosphäre im Kontakt. Mehr Sicherheit. Mehr Bereitschaft.

Als Erwachsene haben wir Handlungsmöglichkeiten: Wir können fragen, ob es zu einem anderen Zeitpunkt passt. Wir können uns an eine andere Person wenden. Wir müssen nicht allein in der Frage sitzen bleiben.


PS: Ob du jemandem wirklich „zu viel“ bist – das kannst du nur herausfinden, indem du es ausprobierst. Es ist eine Frage, die ausschließlich das Gegenüber beantworten kann. Hör auf, dir im eigenen Kopf eine Antwort für jemand anderen zu geben – bevor du ihn überhaupt gefragt hast.